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04.02.19 - Kategorie: Neues von ZEIT FÜR MENSCHEN

Wenn innere Überzeugungen im Weg stehen


In fünf Workshops öffneten sich beim 14. Kirchberger Dialog ganz neue Blickwinkel

„Haltung ist nicht Starrheit und Zwang, Haltung ist Leben.“ „Das Leben ist Übung, ist Experiment und kann jeden Tag neu beginnen.“ „Das Kästchendenken ablegen, Arbeit als Ganzes sehen im Sinne eines runden Lebens.“ „Pragmatismus und Idealismus zu kombinieren ist wichtig.“ „Entscheider sollen Werte nach außen tragen, haben Vorbildfunktion.“ „Kern der Führung ist das Thema Autorität und die ist häufig entmündigend.“ „Hierarchien müssen neu überdacht werden.“ „Agilität heißt nicht, effizienter und schneller zu werden. Agilität fordert Entscheidungen und die Bereitschaft zum Risiko, auch mal falsch zu entscheiden, Entscheidungen ändern zu müssen.“ Die Rede war von der „Inkompetenzkompensationskompetenz“ der Führungskräfte.

Dies sind Kernsätze aus den Impulsreferaten des 14. Kirchberger Dialogs, für die in fünf ganz unterschiedlichen Workshops Anregungen für eine sich durch Digitalisierung veränderte Arbeitswelt gegeben wurden. Neue Blickwinkel taten sich auf. Zwischen „Aussen agil und innen still“, dem Thema des 14. Kirchberger Dialogs, zeigten sich gerade die Workshops besonders bunt. Mal ging es laut und fröhlich zu, wurde musiziert, mal konzentriert den Problemlösungen anderer gelauscht oder es wurde ganz still. Die Teilnehmer übten sich in Meditation oder folgten neugierig den möglichen Verbindungen von Zauberei und Zielorientierung. Und ganz nebenbei wurden Netzwerke neu geknüpft oder erweitert, griffen Führungskräfte aus Wirtschaft und Sozialem gegenseitige Impulse aktiv auf.

Vertrauenskultur schaffen
Im Workshop „Der Magier in Deinem Leben bist Du selbst“ zeigte Thorsten Strotmann auf, wie sehr innerste Überzeugungen hinderlich sein können bei der Umsetzung dessen, was einer will. Der Gründer des Stuttgarter Zaubertheaters Magic Lounge beleuchtete die Macht der Gedanken, zeigte Wege auf, gelassen zu Ergebnissen zu kommen, Getriebene zu Gestaltern werden. Zielverhinderer, so Strothmann, sind meist schon bekannt, bevor man zum Ziel ansetzt. Was auf dem Weg zum Ziel „verrückt“ mache, seien Interpretationen, Rechtfertigungen, Bewertungen. Stattdessen solle jeder sich klar machen, was ist und was soll sein. Und da gelte es, zwischen „Was ist“ und Interpretation zu unterscheiden. 

„Problemlösung und Konfliktmanagement als Basis einer Vertrauenskultur“ war das Thema des Workshops von Peter Meyer (Robert Bosch GmbH Stuttgart) und Angelika Clemenz (Activ Consulting). Für Peter Meyer ist Vertrauen die Basis für Problemlösungen. Vertrauenskultur brauche Wertschätzung, Offenheit und Verlässlichkeit. Die Rede war von einem konstruktiven Beziehungsmanagement. Dies zu praktizieren brauche nicht zwangsläufig die direkte persönliche Begegnung. Das könne auch online passieren. Meyer schilderte am eigenen Beispiel, wie Impulse, Diskussionen, Konferenzen und Coaching-Gespräche zeitlich und räumlich unabhängig stattfinden können. Und das weltweit und zwischen unterschiedlichen Kulturen. Wichtige Punkte für gelungene Coaching-Konferenzen auf Augenhöhe sind für die beiden Referenten Achtsamkeit üben, Sinne wecken, Feedback geben, Selbst-Evaluation und –reflexion gehören dazu und die Bereitschaft, Veränderungen bei sich selbst beginnen. Vorgestellt wurde ein bei Bosch praktiziertes CAI-Programme, in das sich die einzelnen Teammitglieder auch ohne psychologische Kenntnisse leicht einklinken können. Mit simplen Modulen – vor allem auch mit der Sprache der Bilder – können so auch innere Befindlichkeiten verständlich dargestellt werden.

Sich selbst zu ändern ist für Peter Meyer der Schritt, Einfluss auf andere zu haben. Als Führungskraft habe er die Aufgabe, Orientierung zu geben. „Wir im Management nehmen uns manchmal zu wenig Zeit, zu verstehen. Wenn ich verstehe, was die anderen wollen, lasse ich sie machen ohne zu wissen, wohin die Reise geht.“ Da kann eine Entscheidung auch mal falsch sein. Davon dürfe man sich aber nicht entmutigen lassen.

Balance zwischen Stille und Tun
Ganz still wurde es im Workshop “Schweige und höre – Übung der Stille“ von Pfarrerin Friederike Schmalfuß. Die Referentin, für die Meditation und Kontemplation wichtige Schritte der Lebensführung sind, führte ein in das „Herzensgebet“, eine Form der Meditation, die nur ein Wort benutzt oder einen Satz. Stille ist der Mittelpunkt der Übung zu mehr Gelassenheit und Aufmerksamkeit. In der praktischen Übung wechselten sich Einheiten des Sitzens in der Stille mit meditativem Gehen und kleinen Leibesübungen ab. Meditation über das Herzensgebet ist eine alte christliche Methode auf dem Weg, sich selbst zu öffnen für das große Ganze und still zu werden. Stille als Qualität zu empfinden, den Raum der Liebe Gottes in sich selbst zu erfahren, das sei ein lebenslanger Weg. Natürlich könne da der Workshop nur Anstoß geben zum Willen, sich im Alltag mehr in der Stille zu üben. Die Balance zwischen Stille und Tun bekomme so eine neue Bedeutung. 

Alles andere als still war es in den Workshops von Obi Jenne, Eva Leticia Padille, Robert Kesternich und Benjamin Jud, allesamt Jazzmusiker, die weltweit agieren. Sie bereicherten mit ihrem Konzert nicht nur den Auftaktabend zum 14. Kirchberger Dialog, sondern zeigten in ihren Workshops auf, was Führungskräfte von der Musik lernen können, wo Musik Anleitung für das Entdecken der klaren Sprache geben kann. Beide Workshops starteten gemeinsam musikalisch, forderten die Teilnehmer auf, sich einzulassen auf unvorhergesehene Dinge, diesen freudig zu begegnen, Freiraum zu leben und gleichzeitig Strukturen zu nutzen. Geschickt wurden Bausteine der Jazzmusik auseinander genommen, wurde aufgezeigt, was es heißt paritätisch zu musizieren, dem Individium Freiheit zu lassen, ohne die Zusammengehörigkeit zu verlieren. An musikalischen Beispielen spürten die Teilnehmer, was passiert, wenn alle Beteiligten sich aufeinander einlassen – oder auch nicht. „Jazz“, so Obi Jenne, „ist immer eine Kollektivimprovisation. Und das wurde dann auch gleich in die Praxis umgesetzt und fand seinen Höhepunkt im gemeinsam getexteten und komponierten Kirchberger Song „agil und still“, den zum Abschluss des Kirchberger Dialogs alle Teilnehmer gemeinsam intonierten.

Offene und spannende Plattform
Matthias Berg (set no limits consulting GmbH, Esslingen) war zum dritten Mal beim Kirchberger Dialog und ist begeistert von den Möglichkeiten, hier neue Inspiration für das eigene Arbeiten zu erhalten, neue Blickwinkel kennenzulernen, sich selbst einzubringen und Kontakte zu erweitern. Für Matthias Berg ist Agilität und Hierarchie nicht zu trennen, hier gebe es kein entweder oder sondern nur ein sowohl als auch. Wichtig sei die Kommunikation, um zu erkennen, „wie sehe ich mich selbst und wie sehen mich andere“. Agilität fange oft in kleinen Dingen an. Nicht immer gebe es den großen Gestaltungsraum. Wichtig sei da, Felder zu finden, Menschen zu finden, die mitgestalten wollten. Vorgesetzte sollten sich selbst bewegen, Veränderungen zulassen und die Scheu überwinden, etwas nicht zu können. Das Heldentum der Führungskräfte sei vorbei. 

Rainer Wellen (ods GmbH Stuttgart) ist ohne Erwartung zum Kirchberger Dialog gekommen. Er suche weder Hilfe noch Lösungen, sei vielmehr einfach offen, für das was komme. Wichtig sei für ihn, neue Menschen kennenzulernen, sich im Gebet zu üben, den Rhythmus des Lebens im Kloster aufzugreifen und zur Besinnung zu kommen.

Daniel Eberhardt (riskcona Assekuranzmakler GmbH Stuttgart) war zum wiederholten Mal beim Kirchberger Dialog und findet diese offene Plattform für Kommunikation besonders spannend. Man begegne Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, erfahre eine ganz besondere Menschlichkeit. Er verspreche sich vom Kirchberger Dialog durchaus Hilfestellungen, mit dem stärker werdenden Druck besser klar zu kommen.

Ulrike Haas (BruderhausDiakonie Reutlingen) findet den Kirchberger Dialog wichtig, um einfach mal innezuhalten, um Menschen aus ganz unterschiedlichen Führungszusammenhängen kennenzulernen, sich auszutauschen und zu sehen, wie andere mit dem zunehmenden Druck umgehen und dann schließlich die eigene Rolle zu finden. Sie als Führungskraft empfinde sich als Pfadfinder und da sei die Chance, beim Kirchberger Dialog Dinge mal ganz abstrakt zu betrachten, sehr groß. Zudem treffe man hier ganz tolle Leute in einer tollen Atmosphäre und einer ganz besonderen Umgebung.