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04.02.19 - Kategorie: Neues von ZEIT FÜR MENSCHEN

Philosophieren statt lamentieren


14. Kirchberger Dialog zeigt wie Führung in unsicheren Zeiten gelingt ohne sich selbst zu verlieren

„Philosophen sind doch völlig weltfremd“ – ein oft gehörtes, wenig überprüftes Urteil. Beim 14. Kirchberger Dialog ist es nicht nur überprüft sondern sogar widerlegt worden. Denn nach einem fulminanten Auftakt am Montagabend mit einem interaktiv moderierten Konzert, das von Blues, über Jazz bis hin zum Pop alle Stile und Richtungen streifte, folgte am Dienstag ein erstes Impulsreferat der Philosophin Professor Dr. Rebekka Reinhard. Quicklebendig und mit Lust am Überdenken spannte sie einen Bogen von Heraklit bis heute und zeigte einprägsam auf, wie Philosophie alltagstauglich für Führungskräfte werden kann, und dass philosophieren hilft, sich zwischen Agilität und Stabilität ausbalanciert einzuordnen.

Führungskräfte in der heutigen VUCA-Welt sollen alles können und sein: flexibel und offen, von natürlicher Autorität ohne Starallüren, entscheidungsfreudig ohne Dominanz. Dies alles in einer Welt die VUCA ist – das ist ein Akronym für die englischen Begriffe volatility ‚Volatilität', ‚Unbeständigkeit', uncertainty ‚Unsicherheit', complexity ‚Komplexität' und ambiguity ‚Mehrdeutigkeit'. Da geraten selbst die Top-Leader in Turbulenzen. Doch wie können sie, sie selbst bleiben, wenn sie sich permanent eigentlich selbst überholen? Reinhard zitierte darauf Heraklit, der alles als natürlichen Prozess des beständigen Werdens und Wandels ansah. In späterer Zeit wurde dieser Wandel auf die populäre Kurzformel panta rhei („Alles fließt“) gebracht. Sie führte aus, dass die menschliche Psyche sich diesem Prinzip verschlossen habe und mehr noch, darauf sogar mit Kontrollwahn und Veränderungsresistenz reagiere.

Alles, was dann inszeniert werde, sei „bloße Schauspielerei“ und habe nichts Authentisches. „Allerdings steckt dahinter eine tiefe Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und Sinn.“ Authentisch hingegen sei, dem Ganzen mit Haltung eben mit Ethik zu begegnen. Mit dem Begriff der Haltung sei das gemeint, was Aristoteles Tugend nennt. Tugenden, wie übrigens auch Untugenden und Laster, entstünden durch Gewöhnung. Tugenden ließen sich als eine fortgesetzte Übung erworbener Lebenshaltung, eine Disposition oder einen Habitus der emotionalen und kognitiven Kräfte und Fähigkeiten definieren. So könne alles als richtig oder gut Erkannte weiter verfolgt werden, ohne dass es zufällig geschieht. Es geschieht dann aus der Freiheit heraus, gewisse Umstände als sinnhafte Notwendigkeit erkannt zu haben. Demnach sei Haltung eine Art, sich selbst zu führen.

Reinhard ließ ihre Zuhörerschaft mit dem Kaiser Marc Aurel in den Krieg ziehen und erzählte von dessen Bemühen mittels Schreibmeditation oder Askese im Chaos des Lebens, bei ihm war es der Kriegszustand, Haltung zu erwerben und in die Ruhe zu kommen. Sie zitierte ihn mit seinen Selbstbetrachtungen: „Erkenne deine Zeit; Wisse was in deiner Macht steht und prüfe dich selbst.“ „das ist eine Lebenshaltung, wenn Sie sich jeden Tag aufs Neue fragen, was steht jetzt in meiner Macht zu tun.“ Sich selbst zu prüfen, meine, die eigene Komfortzone freiwillig zu verlassen. Mit Meditation, Imagination und konkreten Experimenten könne dies gelingen.

Auch den Begriff der „Gemeinwohlorientierung“ gab es schon bei Marc Aurel. Er nannte es Praxis und meinte damit das Tun in der Gemeinschaft. Denn maßgebliche Richtschnur für das eigene Denken und Handeln waren, so der antike Philosoph, die Einordnung jedes Einzelnen in und mit Übereinstimmung der „Allnatur“. Wie aktuell seine Betrachtungen noch heute sind, zeigt das Atlas-Projekt von Cern bei dem 13 000 Wissenschaftler und Ingenieure aus aller Welt die Grundbausteine der Materie und die fundamentalen Kräfte der Natur unter Bedingungen, wie sie Sekundenbruchteile nach dem Urknall herrschten, gemeinsam untersuchen – und dies ohne jedwede rechtliche Verbindlichkeit und ohne starre Hierarchien. Cern ist das weltgrößte Forschungszentrum für Teilchenphysik. Es wurde vor 60 Jahren als grenzübergreifendes europäisches Friedensprojekt ins Leben gerufen. Ähnlich, allerdings aus einer anderen Perspektive näherte sich auch der zweite Impulsgeber, Professor Dr. Christoph Clases dem Thema des Kirchberger Dialogs. Er zeigte auf, oft Arbeitnehmer sogenannte Bullshit-Jobs ausführen. Ein Bullshit-Job ist eine Beschäftigungsform, die so völlig sinnlos, unnötig oder schädlich ist, dass selbst der Arbeitnehmer ihre Existenz nicht rechtfertigen kann. Also ein Job, den eigentlich niemand braucht. „Da kann keine intrinsische Motivation, also di von innen heraus, aufkommen.“ In dem Zusammenhang plädierte er für mehr Autonomie für die Arbeitnehmenden, „das macht Sinn“. Seine Beobachtung hingegen ist, dass in vielen Organisationen Hierarchien ein Unmaß an Infantilität erzeugen. Zudem machten Hierarchien Sachverhalte wesentlich komplizierter, als sie eigentlich seien.

„Der Umgang mit Autorität ist entscheidend“, zeigte sich Clases überzeugt. Dabei sei es nicht zielführend, die zunehmende Komplexität der Realität mit Kompliziertheit zu beantworten. Vielmehr seien gute Wege zu finden, wie jeder Einzelne in dem gesamten System gut seinen sicheren Platz finden könne. Die fortschreitende Digitalisierung mache diesen Prozess allerdings nicht einfacher. Vielmehr sei es so, dass sich Beziehungsarbeit unter den Menschen durch die Digitalisierung verändert habe. Sie bedinge vor allem, dass das Denken in Hierarchien mit Zuschreibungen von Eigenschaften verbunden werde: „Also „die-da-oben“ und „die-da-unten“.“ Er plädierte für einen Paradigmenwechsel in der Führung. Organisationsformen müssten agiler werden, so der Organisationspsychologe. Veränderung müsse in der DNA einer Organisation einprogrammiert sein. Dass sei zwar eine Provokation an jede Form von Stabilität. Doch genau in dieser Veränderungsbereitschaft liege die Garantie für Stabilität und Motivation. So könne Führung vertrauensvoll Entscheidungen herbeiführen, vorbereiten, glaubwürdig begründen, durchsetzen oder revidieren. Denn wo Vertrauen ins System fehle, zögen sich Beteiligte von Entscheidungen zurück. Fazit beider Impulsvorträge: Agilität und Stabilität sind keine entweder/oder Zustände, sondern es sind Begrifflichkeiten, die einander bedingen. In diesem Feld zwischen beiden Begriffen, gelte es den eigenen Standpunkt ernst zu nehmen, die eigene Antwort- und Resonanzfähigkeit zu schärfen und sich dann zu fragen: was kann jetzt mein nächster Schritt sein.