Mitarbeiteraktionen für einen guten Zweck >
< Sag mir, wo die Frauen sind
05.03.14 - Kategorie: Neues von ZEIT FÜR MENSCHEN

"Wettbewerb darf nicht grenzenlos sein"

Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid äußert sich in der Wendlinger Werkstatt am Neckar zur sozialen Marktwirtschaft


Minister Dr. Nils Schmid

Michael Kost im Gespräch mit Dr. Nils Schmid, Frank Wößner, Jan Kröger und Dirk Jägers

von HORST JENNE / Nürtinger Zeitung 05.03.14

Hoher Besuch in der Wendlinger Werkstatt am Neckar: Am Freitagabend gab Baden-Württembergs Wirtschafts und Finanzminister Nils Schmid seine Visitenkarte in der Einrichtung für psychisch kranke Menschen ab. 

Die Werkstatt feiert in diesem Jahr ihr 25-Jahre-Jubiläum. Gleichzeitig besteht die unterstützende Stiftung Zeit für Menschen seit zehn Jahren. Grund genug, um einen prominenten Redner einzuladen , sagte Werkstattleiter Erhard Schelling in seiner Begrüßung. Schmid äußerte sich zum Thema "Soziale Marktwirtschaft unter Druck - Der Mittelstand zwischen Weltmarkt und regionaler Verbundenheit!!. 

Die Kernaussage des 5. Werkstatt-Gesprächs lautete: "Der Wettbewerb ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Aber er darf nicht grenzenlos sein. Die Politik muss ordnend eingreifen" 

Das ständige Wirtschaftswachstum sei begleitet von wenig wünschenswerten Dingen und habe einen hohen Preis. Als da wären Finanzkrise und Staatsverschuldung. Der 40-jährige SPD-Politiker erinnerte auch an die Millionen von arbeitslosen Jugendlichen, vor allem in Südeuropa. Viele Leute hielten aus diesen Gründen die Marktwirtschaft für ungerecht. Der Wettbewerb, forderte der Minister, solle nicht nur wenigen nützen. Vielmehr müssten alle daran teilhaben. 

Für Freihandelsabkommen mit den USA 

Befürchtungen, wonach es die soziale Marktwirtschaft bald nicht mehr gebe, erteilte er eine Abfuhr. Er sei ein Verfechter der europäischen Einigung und wünsche sich ein Freihandelsabkommen mit den USA. Die Frage sei nur, wie geschlossen die Europäer seien. In diesem Zusammenhang forderte er das bunt gemischte Publikum - Unternehmer, Kommunalpolitiker, Mitarbeiter und Beschäftigte der Werkstatt - auf, zur anstehenden Europawahl zu gehen. 

Die Marktwirtschaft, so Schmid weiter, sei untrennbar an das soziale Engagement gekoppelt. Das fange bereits bei den Kindern an. Alle Kinder müssten dasselbe Rüstzeug erhalten. Außerdem sollte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleistet sein. Wirtschaft, Arbeit und Familie gehörten eng zusammen. Sein strategisches Ziel: "Ich bin dafür,, dass es eine Ganztagsgarantie vom ersten Geburtstag bis zum letzten Schultag gibt." Eltern sollten die Chance haben, ihren beruflichen Ambitionen nachzugehen. Oder - wenn gewünscht - sogar Karriere machen können. 

Auch eine gute Verkehrsinfrastruktur sei für die Menschen und die Entwicklung eines Unternehmens wichtig. Dies bedeute nämlich ein Stück Lebensqualität. Deshalb habe er sich für Stuttgart 21 und den Ausbau von Straßen sowie Schienen eingesetzt. Zum Schluss seiner Ausführungen verteilte der Minister artig Komplimente: "Wir in Baden-Württemberg können stolz sein auf unsere vielen mittelständischen Unternehmen, die auf dem Weltmarkt eine gute Rolle spielen."

Psychische Erkrankungen steigen rapide an 

Die Angesprochenen drückten ihre Freude über das Lob im anschließenden Podiumsgespräch aus. Mit dabei waren Dirk Jägers, Geschäftsführer der IST Metz in Zizishausen, Jan Kröger, Geschäftsführer von GEA Bock in Frickenhausen, und Frank Wößner, Vorstandsvorsitzender der Samariterstiftung in Nürtingen. Moderator Michael Kost vom Südwestrundfunk sprach unter anderem ein Problem an, das immer mehr in den Fokus gerät. Die Zahl der psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz stieg in den vergangenen Jahren um besorgniserregende 30 Prozent. Kröger nannte einen Grund dafür: "Wettbewerb ist Wettlauf. Durch den internationalen Konkurrenzkampf stehen wir unter Druck und sitzen in einem Hamsterrad. " Aber er bot auch einen Ausweg an. Man müsse trotzdem Leute integrieren, die schwächer seien und nicht die Leistung bringen könnten. 

In der Werkstatt am Neckar in Wendlingen sind 100 psychisch kranke Menschen beschäftigt, dort haben sie eine Aufgabe und einen Halt im Leben. "Wir sind händeringend auf der Suche nach einfachen Arbeiten" , erklärte Werkstattleiter Erhard Schelling. Ob sein Appell am Freitagabend gehört wurde?