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19.06.15 - Kategorie: Neues von ZEIT FÜR MENSCHEN

Geld und Vertrauen gehören zusammen

Christian Felber führt beim Forum Zivilgesellschaft in das Thema Gemeinwohl ein


Christian Felber über die Gemeinwohl-Ökonomie

Christian Felber im Gespräch mit Andreas Richter

Matthias Zartmann (Bereichsleiter der BW-Bank Region Stuttgart)

Andreas Richter (Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart)

Imbiss im Anschluss

„Sie legen fast immer mit Ihrer Veranstaltung den Finger genau in die Wunde“, begrüßte Graf Leutrum von Ertingen, Vorstand der BW-Bank die Referenten und Gäste beim Forum Zivilgesellschaft. Ein bisschen Lob schwang in seinen Eröffnungsworten gleichwohl auch mit. Das Forum Zivilgesellschaft wird von der Stiftung ZEIT FÜR MENSCHEN jedes Jahr ausgerichtet und ist ein Instrument, mit dem sie Raum für Dialog gibt. Unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppen treten miteinander ins Gespräch.

„Von der Gewinnmaximierung zur Ökonomie des Gemeinwohles“ lautete der Titel des Vortrags von Christian Felber. Christian Felber, ist Gründer der Gemeinwohl Bank in Österreich , Autor mehrerer Wirtschafts-Bestseller und ein gefragter Referent bei weltweiten Fachtagungen bis  hin zur Europäischen Wirtschaftskommission. Was er zu erzählen hat, zwingt die einen zum Umdenken, die anderen zum Abwinken.  Er plädiert für ein gemeinsames Ziel zwischen Jung und Alt auf Basis der Sinnfrage für das jeweils eigene Handeln. Ökonomie ist für ihn kein entmenschlichter Begriff sondern stammt aus der Moralphilosophie und widmet sich gleichsam schon seit ihrer Geburtsstunde der Frage, warum ein Mensch so oder so handelt also Wirtschaft treibt. Überall auf der Welt werde aber derzeit als Sinn des Handels die Mehrung des Kapitals genannt. Eine solche Ökonomie sei kein Naturgesetz.  Interessengruppen versteiften sich auf diese Sicht, weil sie die Gesellschaft zu einer neuen Ethik zwingen wollten. 

Felber, der gemeinsam mit Gleichgesinnten, 2010 die Gründung der Gemeinwohlbank in Österreich in Angriff genommen hat, erklärt: „Ich möchte, dass Geld zu einem dienenden Werkzeug für ein gutes Leben, für das Gemeinwohl wird.“ In diesem Sinn arbeiten inzwischen etwa 80 Personen am Projekt. Die neue Bank, die auch in Deutschland in den Startlöchern steht,  steht für einen Wandel. 

„Sie löcken wider den Stachel“, kommentierte Frank Wößner, Vorstandsvorsitzender der Samariterstiftung die Äußerungen Felbers und zitierte dafür Martin Luther. Früher wurde der pflügende Ochse durch einen Stachelstock angetrieben, gegen dessen Peinigung das Tier natürlich gelegentlich nach hinten austrat. „Löcken“ geht auf das mittelalterliche Verb ‚lecken‘ zurück indem wiederum das althochdeutsche Verb ‚laikan‘ steckt, was so viel wie hüpfen oder tanzen bedeutet. Diesem Bild nach, tanzt und hüpft Felber mit seiner Gemeinwohl-Bestrebung, die er leidenschaftlich und engagiert bis vor die Europäische Wirtschaftskommission betreibt, dem herrschenden Wirtschaftssystem vor und auf der Nase rum. 

Umso mehr lobten die Veranstalter, dass sich Andreas Richter, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart ebenso wie Matthias Zartmann, Bereichsleiter der BW-Bank, Region Stuttgart bereit erklärt hatten, auf Felbers Thesen einzugehen. Bemerkenswert für die interessierten Zuschauer zudem, dass dieser Vortrag und die anschließende Diskussion traditionsgemäß in den Veranstaltungsräumlichkeiten der BW-Bank am Kleinen Schlossplatz stattfanden. Eine Bank, die dem Land und der Stadt gehört, ein besseres Synonym für das herrschende Wirtschaftssystem könnte es nicht geben. 

Doch sowohl Graf Leutrum von Ertingen wie auch Felber selbst warben dafür, die gegensätzlichen Standpunkte nicht ausschließlich diskursiv zu sehen. Vielmehr ginge es darum, heraus zu finden, wo es Überschneidungen gibt, und einer vom andern lernen könne. Denn sowohl Bank, wie auch die Industrie- und Handelskammer und die Samariterstiftung selbst waren sich sicher: „Wir handeln heute schon nach Werten, die dem Gemeinwohl dienen. 

Dass Felbers Thesen und Hoffnungen auf eine gerechtere Wirtschaftsordnung nicht von der Hand zu weisen sind, belegt eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Juli 2010. Danach  wünschen 88 Prozent der Deutschen eine „neue Wirtschaftsordnung“. Wie kann das sein, wo doch in Deutschland alles boomt? Spüren sie, was Experten schon längst von den Dächern pfeifen: nämlich dass unser Wirtschaftssystem, wie wir es bislang kennen, auf sein Ende zusteuert? Gewinnmaximierung als Ziel des Wirtschaftens erzeugt zunehmend in allen Generationen Unbehagen. Über Gemeinwohl-Ökonomie nachzudenken, könnte eine Antwort auf die Suche nach einem Weg aus der Krise sein. 

Die 200 Zuhörerinnen und  Zuhörer diskutierten nach dem Vortrag und den Repliken darauf noch weit bis in den Abend beim anschließenden Empfang und durften nach mit vielen Impulsen zu diesen Fragestellungen nach Hause gehen.